Mein Tag in Zeiten von Corona - 1

07.04.2020

Das Interview mit Sonja Gänsel, Daniel Weber und Klaus Köther führten wir Ende März.

Antworten gibt es von

Sonja Gänsel

Sonja Gänsel (BPR G K, JVBE)

Daniel Weber

Daniel Weber (JVBE)

Klaus Köther

Klaus Köther (HPR GeS, Vors. VBE BN)

Schule heute: Wie geht ihr in eurer Funktion innerhalb der Schule mit der aktuellen Lage um? Und wie erlebt ihr diese?

Sonja Gänsel: Ich berichte von meiner Arbeit als Junge VBE-Landessprecherin und BPR-Mitglied. Es gibt momentan viele Unsicherheiten bei den Lehramtsanwärterinnen und -anwärtern (LAA) bezüglich der Einstellungen im Mai, der Abschlussprüfungen (UPP) im März/April und bevorstehenden Unterrichtsbesuchen. Es werden oft Fragen gestellt, wie es konkret für den Einzelnen weitergehen wird. Bevorstehende Listenziehungen und baldige Auswahlgespräche stehen an. Hier gibt es ebenfalls viel Beratungspotenzial und Verunsicherungen von Seiten der LAA, aber auch von Lehrkräften und Schulleitungen, die bei den Auswahlgesprächen dabei sind. Gerade auch von Seiten Studierender häufen sich die Anfragen hinsichtlich ihrer Einstellungen in den Vorbereitungsdienst im Mai

Daniel Weber: Ich erlebe die aktuelle Situation als sehr herausfordernd für uns Lehrkräfte, bin aber sehr froh, dass bei uns an der Schule alle Aktionen so gut gelungen sind. Aufgaben wurden ab dem ersten Tag verteilt und Konferenzen digital abgehalten. Absprachen im Team wurden so gemacht und auch der Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen ist immer mal wieder da. Ich muss sagen, dass die Eltern meiner Schüler/-innen es schon gewohnt sind, digital zu arbeiten und die Herausforderung liegt nur dabei, die Sachen zu koordinieren bzw. zu kontrollieren, wie z. B. das Herunterladen der Aufgaben und Arbeitsblätter. Als absolute Chance habe ich meinen Elternabend empfunden, der via Livestream stattfand. Was man kaum glauben mag, alle Eltern waren dabei und haben mitentschieden. Das Feedback der Eltern war unglaublich – sie haben sich gewünscht, dies immer so zu machen, da dies viele Vorteile hat. Eltern müssten sich nicht um einen Babysitter kümmern und Eltern, die getrennt leben, konnten beide am Livestream teilnehmen. Väter, die beruflich nicht zu Hause waren, haben zugeschaut und wissen nun über das aktuelle Geschehen Bescheid. Ich muss ehrlich sagen, das sind Dinge, über die habe ich mir vorher keine Gedanken gemacht. Insofern hoffe ich, dass eine Routine eintritt und wir zunächst die drei Wochen überstehen.

Klaus Köther: Ich bin in dieser Zeit Klassenlehrer einer sechsten Klasse im eigenen Wohnzimmer. Nachdem sich am ersten unterrichtsfreien Tag die Schule sortierte und den Fokus auf die neuen Anforderungen legte, begannen wir am Dienstag mit der konkreten Arbeit: Im Klassenlehrerteam stellten wir zunächst die Unterrichtsmaterialien auf die neue Cloud ein. Die Kinder melden sich dort an und laden sich die Aufgaben herunter. Zudem haben wir an Kinder, die eine besondere Unterstützung brauchen, postalisch Arbeitsblätter versendet. Einige Kinder fragten dann via E-Mail nach weiteren Aufgaben. Manche Kinder rufen auch an, um sich etwas erklären zu lassen oder einfach, weil sie Langeweile haben.
Mittlerweile rufen wir bei den Familien an. Wir wollten den Kontakt auch in dieser Form etablieren, wobei es uns nur nachrangig um die Kontrolle der Aufgaben und der Arbeitshaltung geht. Viel wichtiger ist die Aufrechterhaltung einer zuverlässigen Bindung in schwierigen Zeiten.

Sh: Corona und Homeoffice - Welche Tipps habt ihr?

Gänsel: Es sind wirklich ungewöhnliche Zeiten und der Arbeitsalltag muss von jetzt auf gleich neu gedacht und strukturiert werden. Wichtig ist es, trotz Homeoffice einen geregelten Alltag und Arbeitsablauf zu gestalten und zu planen mit festen Anfangs- und Endzeiten. Dieses ist Lehrkräften nicht unbekannt, da Unterrichtsvorbereitung und -nachbereitung auch schon vor Corona im Homeoffice geplant wurde. Mir hilft es, wenn ich meine ToDo`s des Tages aufschreiben und nach Prioritäten sortiere und erledige. Ich arbeite schon seit Jahren sehr gerne mit dem Pultordner, den ich nur empfehlen kann, da hierdurch Aufgaben strukturiert werden. Neu sind für mich Video- und Telefonkonferenzen zum Beispiel mit meinem Jungen VBE-Team oder den Personalratsmitgliedern. Ich kann das nur empfehlen! Unbedingt ausprobieren, wer sich noch nicht getraut hat. Das werde ich auch langfristig in mein Arbeitsleben einbauen.

Weber: Ich halte mich aktuell sehr an Zeiten und lege Pausen ein und schaue, dass ich nicht 14 Stunden vor dem PC sitze. Das Gefühl, dass man sofort erreichbar sein muss, hat sich irgendwann breit gemacht und so soll es ja nicht sein. Deswegen achte ich sehr darauf, wie und wann ich arbeite. Dass dies viel mehr ist als regulär, müssen wir nicht extra sagen.

Köther: In Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen merkt man schon, dass viele durch die Situation sehr belastet sind. Die Erfordernisse von Kinderbetreuung und Beruf lassen sich im Homeoffice nicht immer koordinieren – dies gilt im Moment wohl für viele Berufsgruppen. Manche Kolleginnen und Kollegen befinden sich ängstlich in totaler Isolation, um sich mit Hausputz und Homeoffice abzulenken. Einigen gibt der Beruf halt, weil diese Konstante beruhigt und beherrschbarer als eine Pandemie ist. So werden schulinterne Konzepte überarbeitet, Internetseiten gepflegt oder Material erstellt. Ich persönlich komme mit der Zurückgezogenheit gut zurecht. Mir helfen frische Luft und Sonne enorm. Auch in der Stadt kann man den Menschen gut aus dem Weg gehen.

Sh: Was bedeutet das für euren Alltag sonst?

Gänsel: Mir fehlt das face to face zu meinen Kollegen/-innen sehr. Deshalb bin ich froh, dass man zumindest auf digitale Medien zurückgreifen kann. Nur das momentan sehr viele z. B. auf die verfügbaren Telefonkonferenzmedien zurückgreifen, ist es oft nicht möglich, sich einzuwählen oder man wartet lange, bis alle Teilnehmer/-innen dabei sind. Auch mein zweijähriger Sohn stellt eine große Herausforderung im Homeoffice dar. Vieles erledige ich in den Abendstunden. Dynamisches und kreatives Vorgehen ist gefragt, da sich gerade so viel so schnell verändert. Man muss von Tag zu Tag denken, vieles umstrukturieren und neu planen.

Weber: Für meinen Alltag bedeutet das, dass ich jeden zweiten Tag 30 Minuten über einen Livestream mit den Kindern unterrichte. Sie haben einen Wochenplan, mit dessen Hilfe ich sehen kann, was die Kinder verstanden haben und wo ich noch nachhelfen muss. Dies mache ich in den 30 Minuten-Einheiten. Wir haben zu Hause eine feste Frühstückszeit eingelegt, zu der wir gemeinsam am Tisch sitzen und über die aktuellen Geschehnisse sprechen. Dann geht es meist wieder an den PC, bis zur Mittagspause, in der wir Sport machen. Unser Fitnessstudio stellt Workouts für zu Hause als Video bereit, und das machen wir jeden Tag. Nachmittags wieder an den PC und für die Eltern bereit sein, meist machen wir noch schnell Besorgungen für unsere Nachbarn, die teilweise nicht mehr raus gehen. Dies geht bis zum Abendessen. Alle E-Mails die ab 19 Uhr kommen, werden erst am nächsten Tag beantwortet. Eltern haben mir berichtet, dass sie es nicht schaffen vormittags (wenn ich arbeite und am PC sitze) auf die Klassenpinnwand zu schauen, um die Aufgaben zu bekommen. Dann kommen Eltern von der Arbeit oder haben nach dem Homeoffice Zeit, sich die Arbeitsblätter anzuschauen. Es wäre ja doof, wenn ich dann nicht kurz die Fragen beantworten könnte, denn so verlieren wir wieder einen Tag. Das wäre nicht gut für das Kind und ist für mich als Lehrer auch nachvollziehbar.
Ansonsten muss ich sagen, dass ich sehr viel Zuspruch bekomme und mir viele Eltern auch mal ein danke per E-Mail senden. Es ist gerade eine absolute tolle Atmosphäre zwischen meinen Eltern und mir als Lehrer. Sehr rücksichtsvoll, und alle achten aufeinander und haben Verständnis. Das ist ein sehr, sehr tolles Gefühl und motiviert, so weiter zu machen.

Köther: Mein derzeitiger Tagesablauf ist noch nicht alltäglich geworden. Das gilt auch für die Arbeit als Gewerkschafter, Personalrat und als Lehrer. Viele Menschen rufen an und sind sehr verunsichert. Wir arbeiten im Hauptpersonalrat intensiv an einer Lösung der Probleme, aber die Fragen waren und sind zahlreich. Zum Beispiel: Wie hilft der Dienstherr, wenn man sich in der Betreuung ansteckt? Wie werden Menschen geschützt, die Angehörige pflegen?  Letztlich gibt es doch den großen Unterschied zwischen vielen Berufsgruppen und uns:  Unsere „Kunden“ besitzen eben nicht die Impulskontrolle, die für „Social-Distancing“ nötig wäre. Woher erhalten wir Desinfektionsmittel, wenn wir schon vorher keine Seife hatten?
Ich bin glücklich, weil wir im Hauptpersonalrat so gut zusammenarbeiten. Dass der Staatssekretär sich in den letzten Schulmails auf die Risikogruppen des Robert-Koch-Institutes bezieht, den Schutz des Personals bei Betreuungsmaßnahmen stärker definiert und die Arbeitsgesundheit generell in den Vordergrund stellt, ist auch unser Verdienst. Die Kooperation mit dem Ministerium funktioniert in vielen Bereichen gut. Wir müssen jedoch noch viele weitere Dinge erreichen, um eines Tages wieder von einem geregelten Alltag sprechen zu können.

Sh: Vielen Dank für das Gespräch!

Fotos: Gänsel, Weber, Köther - Text: VBE/Sh

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