Kompetenzzentren für sonderpädagogische Förderung
13.09.2011
Das MSW erteilte Prof. Dr. Werning (Leibniz-Universität Hannover) im März 2011 den Auftrag, die Grundkonzeption der Kompetenzzentren für sonderpädagogische Förderung (KsF) im Bereich der Lern- und Entwicklungsstörungen hinsichtlich ihrer Eignung zur Entwicklung eines inklusiven Bildungssystems zu untersuchen. Der VBE stellt die wichtigsten Ergebnisse vor.

Das MSW erteilte Prof. Dr. Werning (Leibniz-Universität Hannover) im März 2011 den Auftrag, die Grundkonzeption der Kompetenzzentren für sonderpädagogische Förderung (KsF) im Bereich der Lern- und Entwicklungsstörungen hinsichtlich ihrer Eignung zur Entwicklung eines inklusiven Bildungssystems zu untersuchen.
Das Gutachten, veröffentlicht am 30.08.2011 im Bildungsportal  des Ministeriums für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen, basiert zum einen auf einer Analyse der formulierten Eckpunkte für den Ausbau von Förderschulen zu Kompetenzzentren für sonderpädagogische Förderung gemäß § 20 Abs. 5 Schulgesetz NRW. Zum anderen wurden nach Durchsicht der Anträge aller genehmigten Kompetenzzentren  schließlich sechs von ihnen ausgewählt und auf der Grundlage von Gruppendiskussionen mit den Beteiligten untersucht.

Im Folgenden finden Sie die wichtigsten Ergebnisse dieser Untersuchung:

Was kann das Konzept der KsF aktuell leisten - Stärken?

Dem Gutachten zufolge wird die Förderung von Kindern mit besonderem Förderbedarf durch eine intensive Kooperation verbessert und die Perspektive der Lehrkräfte an allgemeinen Schulen erweitert. Zudem wird dem KsF-Konzept eine „Türöffnerfunktion“ für sonderpädagogische Förderung an allgemeinen Schulen zugeschrieben.

Außerdem nimmt die Präsenz der Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen den Eltern die Angst vor der Thematisierung von spezifischen Problemen und Bedürfnissen der betroffenen Kinder und sorgt auf diese Weise für eine Vorurteilsminderung. Durch eine Flexibilisierung bei der Förderung könnte sich darüber hinaus ein weiter gehendes  präventives Potenzial  ausbilden:  So ergibt sich beispielsweise bereits im vorschulischen Bereich die Möglichkeit einer  Beratung, die allerdings  noch stärker institutionalisiert werden muss.

Im Hinblick auf das Lehrerstellenbudget hat sich insgesamt bereits ein positiver Effekt durch die flexible Steuerung bei der Umsetzung einer unbürokratischen und zeitnahen Kooperation zwischen allgemeinen Schulen und Förderschulen ergeben.

Die sonderpädagogische Beratung ist nicht vorrangig mit der Frage nach der Überweisung in die Förderschule verbunden, sondern wird zu einem Bestandteil der pädagogischen Unterstützung an der allgemeinen Schule; dies fördert eine „Kultur des Behaltens“, die allerdings nur teilweise durch administrative Vorgaben und rückläufige Schülerzahlen unterstützt wird. Die Arbeitsschwerpunkt  der untersuchten KsF liegen mit einer Ausnahme  in den Bereichen „ Beratung und Diagnostik“.

Was kann das Konzept der KsF bislang nicht leisten - Schwächen?

Der häufige und flexible Einsatz der Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen an verschiedenen Schulen erschwert eine kontinuierliche, nachhaltige Arbeit. Die Lehrkräfte kritisieren zudem die unzureichende ressourcielle Anrechnung von Beratungs- und Kooperationszeiten außerhalb des Unterrichts.

Es besteht bei den Lehrkräften der beteiligten Schulformen eine „Rollendiffusität“: 

- Lehrkräfte der allgemeinen Schule erwarten z. B. von den Förderschulkolleginnen und -kollegen konkrete Tipps oder die spezielle Förderung eines Kindes, um Schwierigkeiten zu minimieren. Ein klarer Beratungsauftrag ist allerdings in der Regel nicht gemeinsam ausgehandelt  und aufgrund der geringen Vor-Ort-Präsenz der Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen erfolgt die Unterstützung überwiegend durch additive Förderkonzepte in äußerer Differenzierung.

- Die Aufgabengebiete der sonderpädagogischen Fachkräfte  in Unterricht, Diagnose, Beratung und Prävention sind ebenfalls nicht klar definiert. In allen Gruppendiskussionen wird betont, dass das Konzept der KsF „zu sonderpädagogisch angelegt“ sei; die Anforderungen an die Regelschule seien nicht ausreichend geklärt.

Solange die Regelschulen Inklusion nicht als eigenen Entwicklungsauftrag sehen, können die Förderschulen als Zentren der sonderpädagogischen Kompetenz  nicht ihren Auftrag erfüllen, Inklusion im System der allgemeinen Schule voranzutreiben. Die zukünftige Rolle der Förderschulen bleibt ungeklärt. Eine Beibehaltung ist sinnvoll, da nicht alle Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischen Förderbedarf „integrierbar“ sind.  Als Konsequenz würde sich die  Schülerschaft an Förderschulen allerdings zur „Rest-Rest-Gruppe“ entwickeln.

In keinem der untersuchten KsF liegt die Beteiligung eines Gymnasiums vor; hier zeigen sich deutlich die Probleme der Umsetzung inklusiver Pädagogik in einem strukturell selektiven Schulsystem.

Weiterführende Impulse für eine inklusive Unterrichtsentwicklung ergeben sich insgesamt nur in Ansätzen. Eine Intensivierung oder Verbesserung der Kooperation mit außerschulischen Partnern im Rahmen des KsF ist ebenfalls kaum erkennbar.

Empfehlungen durch den Gutachter

Aufgaben- und Rollendefinition:
Die Konstruktion des KsF muss durch eine klare Rollendefinition und Tätigkeitsbeschreibung der beteiligten Berufsgruppen  - auch auf der Grundlage festgelegter Standards für inklusive Bildung an allgemeinen Schulen – ergänzt werden.

Verankerung von Unterstützungsangeboten:
Unterschiedliche Unterstützungsangebote sind in einem inklusiven System zu verankern:

- Sonderpädagogische Förderung in allgemeinen Schulen, d.h. dauerhafte Positionierung von Sonderpädagoginnen und -pädagogen an allgemeinen Schulen und  Koordination der sonderpädagogischen Förderung als Aufgabe der Regelschulen
- Sonderpädagogische Beratung, wobei die Beratung von Lehrkräften der allgemeinen Schule eine gewisse Distanz zum System voraussetzt und an die Definition eines klaren Beratungsauftrags gebunden ist.
-  Externe Förderung von Schülerinnen und Schüler, die aufgrund  erheblicher Selbst- oder Fremdgefährdung nicht am Unterricht der allg. Schule teilnehmen können.  

„Drop-Outs“: 
Angebotsschulen für Schulabbrecher und -verweigerer sind ab Klasse 7 mit  einem speziellen Bildungsangebot zur Förderung von Jugendlichen in flexiblen Lerngruppen und mit einem Unterricht, der durch hohe Praxisanteile gekennzeichnet ist, einzurichten.

Kooperation  mit  außerschulischen Partnern:
Ein transparentes Projekt- und Prozessmanagement zwischen schulischen und außerschulischen Partnern mit klaren  Absprachen und  Verantwortlichkeiten  ist zu entwickeln.

Inklusion als allgemeinpädagogische Herausforderung: 
Der Entwicklungsauftrag hin zu Inklusion ist von den Förderzentren in die allgemeine Schule zu verlagern.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass in dem Gutachten eine deutliche Kritik an der Konzeption und Zielsetzung der Kompetenzzentren als duales System sonderpädagogischer Förderung in allgemeinen Schulen und in Förderschulen formuliert wird. Als besonders problematisch stellt Prof. Dr. Werning dabei heraus, dass "eine klare Zielformulierung hinsichtlich konkreter Standards inklusiver Bildung an allgemeinen Schulen, verbunden mit der Nennung konkreter Integrationsquoten und einer präzisen Aufgabenbeschreibung von allgemeinen Schulen und Förderschulen (sofern sie bestehen bleiben sollen) fehlen".

Vor diesem Hintergrund müssen aus seiner Sicht die Schulen perspektivisch inklusive Leitbilder für inklusive Bildung und eine inklusive Schulkultur entwickeln, die durch Anerkennung und Wertschätzung von Unterschiedlichkeit,  die Bereitstellung von Bildungsangeboten für alle Schülerinnen und Schüler auf ihren jeweiligen Entwicklungsständen, eine ausgeprägte Kooperation zwischen den Lehrkräften sowie die Förderung der Zusammenarbeit zwischen Schülerinnen und Schülern und die konstruktive Einbeziehung von Eltern geprägt sind. Die Aufgabe des Schulministeriums besteht nach Prof. Dr. Werning dabei in einer klaren Aufgabenbeschreibung und strukturellen Verankerung von Unterstützungsangeboten in den allgemeinen Schulen.

Mit dieser abschließenden Wertung wird deutlich, dass Inklusion aus Sicht des VBE vor allem eine Frage der "Haltung" ist und nicht zu einer "Billiglösung" werden darf.

Das vollständige Gutachten  von Prof. Dr. Rolf Werning 

Weitere Artikel im Bereich "Service Zeitschriften"
10.07.2012
Unterricht anders denken
Richtige Lösungen sind wichtiger als Fehler. Lehrkräfte sollten das Können der Schüler mehr in den Vordergrund stellen und ihre Leistungen und ihr Verhalten lobend würdigen. Große Leistungsunterschiede in vielen Klassen fordern eine mehr qualitative als quantitative Beurteilung von Schülerleistungen.
03.11.2010
Bildung und Lernsubjekt als bloße Effekte marktliberaler Anpassungspostulate
- Umrisse einer Bestandsaufnahme; Skizzen zu Kritik, Alternativen und Perspektive -
06.01.2010
Übergang im Dialog gestalten - Englischunterricht in der Grundschule
Ist das Spannungsfeld zwischen dem Englischunterricht in 3./4. und 5./ 6. Klassen (an weiterführenden Schulen ) zu beseitigen?
21.04.2009
Erfolgreicheres Lernen durch Differenzierung im Unterricht
Erfolgreicheres Lernen durch Differenzierung im Unterricht
11.11.2008
Englisch in der Grundschule
Broschüre - WebCoaching
14.10.2008
International School Heiligenhaus in Nordrhein-Westfalen
Private Ganztagsschule nach britischem Vorbild mit „mindestens 30 Prozent Unterricht in deutscher Sprache“ (Vorgabe NRW)
28.06.2007
Dokumentation des Arbeits- und Sozialverhaltens
Würdigung außerunterrichtlichen und außer- schulischen Engagements
19.06.2007
Wege aus der Hauptschulkrise
Strukturelle Reformen und/oder Verbesserung der Unterrichtsqualität?
11.06.2007
Offener Brief zur aktuellen Schulentwicklungsdebatte
Der folgende Brief wurde von über 100 Schulleiterinnen und -leitern unterzeichnet und an den baden-württembergischen Kultusminister Helmut Rau geschickt.
Grafik: VBE NRW
Ihre Qualifizierung vor Ort

Termine, Orte und Anmeldung

Grafik: DKLK
Düsseldorf, 25. - 26. April 2017

Anmeldung, Anfahrt, Programm

Grafik: VBE NRW
Schule heute

Ausgabe März 2017

Grafik: © jannoon028/shutterstock.com
E[LAA]N

Ausgabe 63


URL dieses Artikels:
http://www.vbe-nrw.de/menu_id/209/content_id/2766.html

VBE-Bezirksverbände

Arnsberg Detmold Düsseldorf Köln Münster

copyright © 2001 - 2017 Verband Bildung und Erziehung, Landesverband NRW