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24.04.2017

VBE: Zahl der Kinder mit attestiertem Förderbedarf hat sich seit 2005 verdoppelt

Expertise: „Welchen Förderbedarf haben Kinder mit emotional-sozialen Entwicklungsstörungen?

„Die vom VBE in Auftrag gegebene wissenschaftliche Expertise belegt, was Lehrkräfte immer wieder deutlich machen, nämlich dass Kinder mit emotional-sozialen Entwicklungsstörungen eine ausgeprägte Symptomatik zeigen, die nur durch intensivpädagogische Maßnahmen, in der Regel durch entsprechend ausgebildete Sonderpädagogen, aufgefangen werden kann. Gleichzeitig wird offenbar, dass die Zahl der Kinder, die einen entsprechenden Förderbedarf attestiert bekommen, sich seit 2005 in NRW von mehr als 14500 auf über 29000 in 2016 verdoppelt hat. Um den Schulbetrieb im inklusiven Bildungssystem aufrecht erhalten zu können, braucht es vor diesem Hintergrund für die Beschulung dieser Kinder in inklusiven Lerngruppen mehr denn je die Doppelbesetzung mit Lehrkraft und Sonderpädagoge und die Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams zur intensivpädagogischen Beschulung“, fordert Udo Beckmann, Bundesvorsitzender und Landesvorsitzender NRW des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) auf Basis der vom VBE beauftragten Expertise „Welchen Förderbedarf haben Kinder mit emotional-sozialen Entwicklungsstörungen?“

Prof. Dr. Bernd Ahrbeck weist in der Expertise* deutlich darauf hin, dass der Förderschwerpunkt „Emotionale und soziale Entwicklung“ bundesweit hohe Zuwachsraten hat. Anhand von Zahlen der Kultusministerkonferenz ist nachzuvollziehen, dass bundesweit 2005 über 46.000 Schülerinnen und Schüler, 2010 schon 62.500, attestierten Unterstützungsbedarf im Bereich der „Emotionalen und sozialen Entwicklung“ hatten, während es 2015 über 85.500 waren. Das entspricht einer Steigerung von ca. 86 Prozent in 10 Jahren. Die Dunkelziffer liege noch deutlich höher, erklärt Prof. Dr. Ahrbeck: „Studien zeigen, dass bis zu 17 Prozent eines Jahrgangs psychisch erkrankt sind. Bis zu 10 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind behandlungs- und beratungsbedürftig. Es haben zwar nicht alle dieser Kinder einen Förderbedarf bei der emotional-sozialen Entwicklung, aber es kann von einer hohen Korrelation ausgegangen werden.“

Die Ursachen für das Auftreten und die steigende Rate sind vielfältig und nicht monokausal. Die KMK schrieb hierzu in einem 2000 veröffentlichten Papier**: „Erfahrungen von Alleingelassensein, das Erleben von Angst und Hilflosigkeit, von Armut, sozialem Ausschluss, auch emotionale Überforderung und Trennungsängste oder sexueller Missbrauch können zu aggressiven wie auch regressiven oder introvertierten Verhaltensweisen führen.“ Beckmann ergänzt: „Wir sehen zunehmend, dass beide Elternteile gezwungen sind, arbeiten zu gehen, um den Lebensunterhalt für die Familie zu sichern, und deshalb immer häufiger nicht mehr die notwendige Zeit haben, sich um die Belange der Kinder und deren Erziehung zu kümmern. Wenn es uns nicht gelingt, Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erreichen, wird sich diese negative Entwicklung fortsetzen. Wir haben hier ein gesellschaftliches Problem, das nicht allein auf die Eltern geschoben werden darf!“ Mit Blick auf die hohe Zahl an Flüchtlingskindern, die teilweise stark traumatisiert sind, warnt Beckmann: „Diese Kinder sind durch ihre Erfahrungen einem besonderen Risiko ausgesetzt, verhaltensauffällig zu werden und sind deshalb darauf angewiesen, in ihrer emotional-sozialen Entwicklung besonders gefördert zu werden. Auch deshalb muss die Politik reagieren.“

Der VBE-Bundesvorsitzende reagiert auch auf die Erklärungsansätze, dass die Nutzung von digitalen Endgeräten psychische Erkrankungen und Verhaltensauffälligkeiten unterstütze: „Bei einer ungefilterten, unlimitierten und lediglich quantitativen Nutzung von Medien leiden nicht nur physische Strukturen, sondern auch das soziale Leben. Die Antwort ist jedoch nicht digitale Abstinenz, sondern ein verantwortungsvoller Umgang mit Medien. Teil der Prävention muss daher die Herausbildung umfassender Medienkompetenz sein.“

Prof. Dr. Ahrbeck stellt heraus: „Kinder mit dem Förderschwerpunkt ‚Emotionale und soziale Entwicklung‘ müssen stark individualisiert und personell gebunden unterstützt werden, wenn die Förderung zum Erfolg führen soll. Gerade die Beziehung zu einem festen Ansprechpartner ist ein wichtiger Baustein in der Förderung ihrer Entwicklung. Welcher Ort aber der richtige ist, hängt entscheidend von den Ausstattungsmerkmalen ab. Eine intensivpädagogische Betreuung kann auch an Regelschulen gelingen, wenn die dazu dringend benötigten Rahmenbedingungen bereitgestellt werden. Sie sind für ein Gelingen unerlässlich.“

Beckmann verstärkt: „Momentan stimmen die von der Politik zur Verfügung gestellten Bedingungen einfach nicht! Es braucht intensivpädagogische Förderung, um Kindern mit attestiertem Förderbedarf und den vielen Kindern mit psychischen Problemen das gemeinsame Lernen zu ermöglichen. Erforderlich ist ebenfalls, dass Raumkonzepte umgesetzt werden, die individualisierten Unterricht und Förderung in Kleingruppen ermöglichen. Außerdem müssen weitere Professionen einbezogen werden. Das Arbeiten in multiprofessionellen Teams ist insbesondere für eine angemessene Förderung von Kindern mit dem Förderschwerpunkt ‚Emotionale-soziale Entwicklung‘ unabdingbar.“

 

*Expertise Prof. Dr. Ahrbeck
 
 

**KMK-Papier


Pressemitteilung 18-2017
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