U3 in der Praxis noch eine Riesenbaustelle

14.10.2013

Leiterin eines Familienzentrums spricht Klartext

Leiterin eines Familienzentrums spricht Klartext

 

Barbara NolteZum 1. August 2013 ist der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr in Kraft getreten. Für NRW-Familienministerin Ute Schäfer ein Grund zur Freude: "Mit rund 144.800 U3-Plätzen haben wir unser Etappenziel bei der Kleinkinderbetreuung erreicht. Nordrhein-Westfalen geht gut vorbereitet in das neue Kindergartenjahr!"
Doch die Praxis zeigt schon jetzt deutlich, dass die Schaffung der Plätze allein nicht ausreicht; es muss
gleichzeitig auch in die Qualität der Betreuungsplätze investiert werden.

An vielen Kindertageseinrichtungen wird derzeit noch an- und umgebaut, um die notwendige Zahl der Betreuungsplätze zur Verfügung stellen zu können. "Viele Baumaßnahmen könnten jedoch längst
weiter fortgeschritten oder gar fertig gestellt sein", berichtet Barbara Nolte, Referatsleiterin im Verband Bildung und Erziehung NRW (VBE} und Leiterin eines Familienzentrums im Kreis Paderborn.
"Wie wir auch, haben viele Träger den Antrag bereits sehr früh gestellt. Um die Förderung nicht aufs Spiel
zu setzen, musste dereh Bewilligung jedoch zunächst abgewartet werden, bevor mit der Baumaßnahme begonnen werden durfte. Dies hat nun zu einer mehrmonatigen Verzögerung geführt."

Provisorische Maßnahmen sind für das Personal erhebliche Mehrbelastung

Einrichtungen, die nicht über entsprechende Kapazitäten verfügen, behelfen sich mit Provisorien: Die einen stellen Container auf, andere funktionieren ihre Räumlichkeiten um. Letztendlich bedeuten diese provisorischen Maßnahmen für das Personal eine erhebliche Mehrbelastung.
Dadurch, dass Differenzierungsräume nicht in dem Maße zur Verfügung stehen, wie sie gebraucht werden, um altersgerechte Bildungsangebote entsprechend der Bedürfnisse der Kinder gestalten zu können, ist das Personal gezwungen, die vorhandenen Räumlichkeiten permanent umzuräumen. Bei
dem ohnehin knappen Personalschlüssel ist das wertvolle Arbeitszeit, die verloren geht.
Unter Dreijährige benötigen zudem eine intensivere Betreuung als ältere Kinder. Die EU sieht für die Kinder bis zu zwei Jahren ein Betreuungsverhältnis von 1:3, für die Zwei- bis Dreijährigen ein Verhältnis von 1:3 beziehungsweise 1 :5 vor. ln den meisten Einrichtungen wird dieses Verhältnis jedoch nicht erreicht. Die Träger, Kommunen oder die Kirche tun ihr Bestes, um bedarfsgerechte Plätze zu schaffen, weiß Barbara Nolte. Doch auch die Träger stehen im Moment unter erheblichem finanziellen Druck. Die Kassen sind eben nicht mehr so prall gefüllt wie in früheren Zeiten.

Nachholbedarf bei Qualifizierung des Personals

Erheblicher Nachholbedarf besteht auch im Hinblick auf die Qualifizierung des Personals. Die normale Grundausbildung für Kinder bis zu sechs Jahren reicht nicht aus.
"Erzieherinnen der unter Dreijährigen sollten über ein umfassendes Wissen über Bindung sowie über die psychologischeund kognitive Entwicklung von Kindern verfügen. Gerade bei den ganz Kleinen müssen die Erzieherinnen zudem eine enorme Sensibilität in Gesprächen
mit den Eitern beweisen und
auch hierfür entsprechend geschult sein", weiß die Leiterin aus ihrer langjährigen beruflichen Erfahrung.
Die mehrtägige Ausbildung zur "Fachkraft U 3" kostet jedoch über 1000 Euro, was je nach Eingruppierung der Erzieherin drei viertel ihres Gehalts ausmacht. Nicht jeder Träger übernimmt diese Kosten. Ein Gesetz, das Träger verpflichtet, Fortbildungsmaßnahmen ihrer Mitarbeiter (wenigstens teilweise) zu finanzieren, existiert in NRW nicht. So bleibt es oft der Erzieherin selbst überlassen, in ihrer Freizeit an einer entsprechenden Fortbildung auf eigene Kosten teilzunehmen.
Ein höheres Gehalt geht mit dieser Qualifizierungsmaßnahme im Anschluss daran nicht einher.

Haus ohne Fundament gebaut

 

Auch im Hinblick auf die Bezahlung der Leiterinnen der Einrichtungen sieht Barbara Nolte Handlungsbedarf. Es könne nicht sein, dass, wenn eine dreigruppige Einrichtung so umgestaltet wird, dass in zwei Gruppen Kinder U3 betreut werden, es für die Träger möglich ist, Leiterinnen plötzlich geringer zu vergüten.
Kommt zu einer zweigruppigen Einrichtung eine Gruppe mit Kindern U3 hinzu, erfährt die Leitung trotz des Mehraufwandes und größerer Komplexität der Aufgaben keine finanzielle Aufwertung ihrer Tätigkeit, da die U3-Gruppen weniger Kinder haben.
"Familien wird politisch im Moment eine unglaublich hohe Qualität an Bildung und Erziehung versprochen. Die Politik sollte auch die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen. so dass die Qualität in der Betreuung der Kinder ebenfalls gewährleistet ist", fordert Babara Nolte. "Es reicht nicht, einen Bildungsanspruch zu stellen und Plätze zu schaffen und sie dann defizitär auszustatten. Damit baue ich eigentlich ein Haus ohne Fundament."

 

CS
Text aus: dbb magazin, Oktober 2013

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