Forum Förderung von Kindern: Offener Brief

21.11.2012
Das Forum Förderung befürchtet, dass sich die Betreuungsqualität zu Lasten der Kinder weiter verschlechtern wird.

Das "Forum Förderung von Kindern" ist ein NRW-weiter Zusammenschluss von Verbänden und Vereinigungen aus der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe. Sein Fokus liegt auf den Bedürfnissen der Kinder. Mit dem heute versendeten "Offenen Brief" nimmt das Forum Bezug auf die verschiedenen diskutierten Vorschläge zum Ausbau der U-3 Kinderbetreuung in NRW vor dem Hintergrund des ab 2013 geltenden Rechtsanspruchs auf Betreuung. Das Forum Förderung befürchtet, dass sich die Betreuungsqualität zu Lasten der Kinder weiter verschlechtern wird.

Offener Brief

Verteiler:
Frau Ministerin Schäfer
Frau Landtagspräsidentin Gödecke -> Zur Weitergabe an Abgeordnete
Geschäftsstelle Städtetag NRW -> Zur Weitergabe an Mitglieder
Geschäftsstelle des StGB NRW -> Zur Weitergabe an Mitglieder
Tageszeitungen in NRW zur redaktionellen Verwendung

Sehr geehrte Frau Ministerin Schäfer,
sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin Gödecke,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
sehr geehrter Herr Dr. Articus,
sehr geehrter Herr Dr. Schneider,
sehr geehrte Damen und Herren Oberbürgermeister und Bürgermeister,
 
der Ausbau der U-3-Betreuung in Hinblick auf den Rechtsanspruch ab 2013 stellt die Kommunen und das Land vor große Herausforderungen. Vor dem Hintergrund des Krippengipfels und seither diskutierten „Lösungsvorschlägen“ möchten wir alle Beteiligten eindringlich bitten, den weiteren Ausbau nicht zu Lasten der Betreuungsqualität von Kindern erfolgen zu lassen.

Kinder benötigen in ihrer Betreuung Verlässlichkeit, Kontinuität und Rahmenbedingungen, welche ihnen eine persönliche Bindung an die betreuende Person ermöglichen. Insbesondere jüngere Kinder leiden unter zu großen Gruppen (Lärmpegel) und reagieren auf einen zu geringen Personalschlüssel mit Überforderung. Auf die wissenschaftlich fundierten Untersuchungen zu den empfehlenswerten Gruppengrößen und Personalschlüsseln brauchen wir hier nicht erneut hinzuweisen: Sie werden mit den derzeitig geltenden Regelungen nicht erreicht! Eine weitere Verschlechterung wird unweigerlich zu einer weiteren Verstärkung negativer Verhaltensweisen und Prägungen bei den Kindern führen. Der hohe Krankenstand auf Seiten der ErzieherInnen zeigt, dass auch bei diesen die Schmerzgrenze längst überschritten ist.

Deshalb lehnen wir mit aller Schärfe Maßnahmen ab, die zu einer Gruppenvergrößerung, vor allem aber auch zu einem schlechteren Personal-Kind-Schlüssel und / oder zu einer Verschlechterung der pädagogischen Arbeit führen. Die diskutierten Übergangslösungen und Provisorien dürfen bei Inanspruchnahme durch Familien nicht (auch nicht durch Verzichtserklärungen) zu einem Erlöschen des Rechtsanspruchs auf eine Regelbetreuung führen. Ein Wechsel der Betreuungsart oder des Betreuungsumfanges muss jederzeit möglich bleiben.

Die „zeitlich befristete“ Überbelegung von Gruppen beruht auf einer Milchmädchenrechnung. Die „überbelegten“ Kinder verbleiben auch in den Folgejahren in der Einrichtung und blockieren dann freiwerdende Plätze für neue U-3 Kinder. Eine Vergrößerung der Gruppen (Überbelegung) auch in den Folgejahren ist vorprogrammiert, aus entwicklungspsychologischen Gründen aber absolut inakzeptabel. Die anzeigepflichtfreie Aufnahme von U-3-Kindern in Ü-3-Gruppen ist aufgrund der in keinster Weise adäquaten Rahmenbedingungen durch den Gesetzgeber entschieden zu unterbinden.

Das diskutierte Platzsharing führt, wie das entsprechende Modell in Hamburg („Kita-Card“) gezeigt hat, zu einer deutlich verlängerten Eingewöhnungsphase, wirft massive Bindungsprobleme auf, behindert die Gruppenbildung und die gruppendynamischen Prozesse und verhindert Kontinuität in den Bildungsprozessen und individuellen Fördermaßnahmen z.B. –Zweitspracherwerb-. Dabei wird zudem völlig verkannt, dass die Vorbereitungszeit der Erzieherinnen, die Beobachtungszeit, die Bildungsdokumentationen, die Elterngespräche usw. für jedes einzelne Kind in der Gruppe anfallen, unabhängig von seiner Verweilzeit in der Einrichtung. Das Modell des Platzsharing bzw. der „flexiblen Plätze“ ist zudem ausgesprochen starr, störanfällig und unflexibel gegenüber sich mitunter unterjährig akut ergebenden Veränderungen im Betreuungsbedarf der Eltern.

Wir befürworten die Einbeziehung von Spielgruppen mit einem Betreuungsumfang bis zu 20h in den Bedarfsplan, sofern ihr Angebot tatsächlich dem Bedarf der Familien Rechnung trägt, die Einrichtungen geeignete Rahmen- und Förderbedingungen erhalten und den Eltern die Möglichkeit offengehalten wird, auf veränderten Betreuungsbedarf zu reagieren. Spielgruppen (am Nachmittag) sollten dann aber auch in Kindertagesstätten betrieben werden dürfen, bei denen dies derzeit noch nicht der Fall ist (Einrichtungen ohne Familienzentrum). Es sollte hierbei im besonderen Maße darauf geachtet werden, dass diese Spielgruppen mit eigenem Personal ausgestattet werden und die indirekte pädagogische Arbeit, Vor- und Nachbereitungszeiten angemessen berücksichtigt werden. Den Kleinsten muss Kontinuität in der Erzieher-Kind-Beziehung geboten werden und keine von Nachmittag zu Nachmittag nach Dienstplan wechselnden BetreuerInnen. Die Umwandlung von bestehenden Kindertagesstättengruppen in Vor- und Nachmittagsspielgruppen und des Doppeleinsatzes des gleichen Personals lehnen wir hingegen ab, da dies nicht zu einem Ausbau des bestehenden Betreuungsangebotes, sondern nur zu einer Verschlechterung der pädagogischen Arbeit führen wird.

Das Forum Förderung von Kindern begrüßt es, wenn Betrieben durch die Gründung von Betriebskindertagesstätten die Möglichkeit gegeben wird, stärker als bisher in die Verantwortung zu treten und den eigenen MitarbeiterInnen Plätze anzubieten. Dabei sollten einerseits die Kommunen entlastet werden, andererseits aber auch Möglichkeiten zur Förderung dieser Modelle entwickelt werden. Das Forum lehnt hingegen die Betätigung und Förderung gewinnorientiert arbeitender, privatgewerblicher Anbieter weiterhin strikt ab.

Hinsichtlich der Kindertagespflege (Großtagespflegestellen) erkennt das Forum Förderung von Kindern die dringende Notwendigkeit, die Verlässlichkeit der Tagespflege durch Vertretungskräfte auf Ebene des Jugendamtes („Springer“) zu stärken. Auch Tagespflegepersonen benötigen darüber hinaus eine kontinuierliche Fachberatung und Qualifizierungsangebote.

Wir sind der Ansicht, dass jedes Kind in den Einrichtungen das gleiche Recht auf eine seinen Bedürfnissen entsprechende Räumlichkeit hat. Die Ausgliederung von eventuell irgendwann auslaufenden Ü-3-Gruppen in provisorische Unterkünfte lehnen wir deshalb entschieden ab. Die in Anbetracht des Leidensdruckes der ErzieherInnen überfälligen Entlastungen durch stärkere Berücksichtigung der indirekten pädagogischen Arbeit und der finanziellen Förderung von Hauswirtschaftskräften sollten zügig umgesetzt werden.

Bei allem noch so drängenden und berechtigten Bedarf der jungen Familien sollte beim Ausbau Qualität vor Quantität stehen, gute Rahmenbedingungen und vor allem die Kontinuität im Erzieher-Kind-Schlüssel weiterhin für alle Kinder gesichert sein!

gez.
Beate Heeg (Eltern helfen Eltern), Elisabeth Löckener (FdK LV NRW), Dr. Eva Sowa (Landesverband der Mütterzentren), Dr. Remi Stork (eaf Westfalen-Lippe), Dorothea Schäfer (GEW), Marianne Buhl (KEG), Almut Heimbach (KEKS), Ulrich Silberbach (KOMBA), Klaus Amoneit (PEV), Udo Beckmann (VBE), Jürgen Reichert (ver.di, Landesfachbereich Gemeinden), Gisela Kierdorf (ZKD)
 

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