08.01.2007 Ein kleines Ritual mit großer Wirkung von Christoph Dicke (Sprockhövel) und Jörg Prieß (Wuppertal)
Einleitung
Die Situation ist Alltag im Klassenraum: Mehrere Schüler zeigen auf, um den Lehrer um Hilfe zu bitten. Der steuert den ersten Schülertisch an, hilft oder berät. Wenn dieses Problem behoben ist, blickt der Lehrer in die Runde – die übrigen Schüler zeigen immer noch auf. Während er nun oftmals nicht mehr weiß, wer als Nächstes an der Reihe ist, wissen das die Schüler meist sehr genau: „Ich habe mich aber eher gemeldet!“
Die so beschriebene Situation stellt noch eher eine der harmloseren dar. Gerade, wenn es Schülern schwer fällt zu warten, rufen Sie in die Klasse, um den Lehrer möglichst schnell an ihren Platz zu lenken. Und der Lehrer hört in einer Schulstunde 20, 30 oder 40 Mal seinen Namen. Nicht nur in großen Klassen führt das schnell zu unnötigem Stress. Denn für den Lehrer ist es in diesen Situationen oftmals unmöglich, die Reihenfolge der Meldungen nachzuvollziehen und diese dann richtig einzuhalten.
Der vorliegende Aufsatz beschreibt eine Möglichkeit, wie dieser Situation entgegengewirkt werden kann. Erprobt wurde dieses Konzept in den Jahrgangsstufen 3, 4 und 5 einer Förderschule Lernen sowie der Jahrgangsstufe 6 an einer Hauptschule.
Die Hilfekarte
Das Wichtigste gleich vorweg: Durch den Einsatz einer Hilfekarte, der im folgenden Abschnitt genauer beschrieben wird, haben sich die Arbeitsphasen in den jeweiligen Klassen merklich entspannt. Jeder Schüler verfügt über eine solche Hilfekarte, die mit seinem Namen versehen ist. Es hat sich bewährt, diese Karten zu laminieren, um dem schnellen Verschleiß vorzubeugen. Ob die Karten selbst gestaltet oder vom Lehrer zur Verfügung gestellt werden, kann für jede Klasse gesondert entschieden werden. Um den Verlust der Karten zu verhindern, bleiben sie im jeweiligen Klassenraum und werden nicht von den Schülern mit nach Hause genommen. Zur Hilfekarte gehört eine kleine Klammer, wie sie im Schreibwarenladen oder im Bastelbedarf zu bekommen ist; alternativ ist eine Wäscheklammer ausreichend. An einer Wand des Klassenraums befindet sich eine Schnur, die zwischen zwei Nägeln, Pins oder ähnlichen Befestigungen kreisförmig gespannt ist und so weiter gezogen werden kann.
Einsatz der Hilfekarte
Immer dann, wenn ein Schüler Hilfe bei der Arbeit benötigt, erhebt er sich von seinem Platz und hängt die Hilfekarte an die Schnur. Dies wird vom Lehrer wahrgenommen: Er nimmt die Hilfekarte von der Schnur und geht zum Schüler, um zu helfen. Eine Regel ist dabei wichtig: Sollte mehr als eine Hilfekarte an der Schnur hängen, müssen die Karten in der Reihenfolge hintereinander aufgehängt werden. Nimmt der Lehrer jetzt die erste Karte ab, kann er die Schnur weiterziehen, sodass der bisher zweite Schüler nun an die erste Position der „Warteliste“ rückt. Jeder Schüler kann also anhand der aufgehängten Hilfekarten erkennen, wie viele Klassenkameraden vor ihm an der Reihe sind. Das Melden bei Problemen entfällt weitestgehend. Ebenso hat die Erfahrung gezeigt, dass auch das Hineinrufen in die Klasse deutlich abnimmt. Sollten sich Schüler aber dennoch wiederholt nicht an die Regeln halten oder auf dem Weg zur Schnur Mitschüler bei der Arbeit stören, so kann der Lehrer deren Karte an eine ungünstigere Position der Reihe verschieben. Natürlich sind aber auch andere Maßnahmen in einem solchen Fall denkbar.
Eine Variationsmöglichkeit
Gerade in großen Klassen muss der Lehrer aber nun damit rechnen, dass dennoch viele Hilfekarten aufgehängt werden. Aus diesem Grund bietet sich eine Variation an: Neben den Hilfekarten werden Helferkarten vorbereitet, die in der Klasse für alle Schüler zugänglich sind. Fühlt sich ein Schüler in einem gerade behandelten Themenbereich kompetent, darf er seine Arbeit unterbrechen, sich eine Helferkarte nehmen und Mitschülern helfen, die ihre Hilfekarte aufgehängt haben. Der Schüler verhält sich in diesen Situationen so, wie es oben als Lehreraufgabe beschrieben wurde: Er nimmt die Hilfekarte von der Schnur und begibt sich zum Tisch des jeweiligen Schülers, um zu helfen. Stellt sich dann heraus, dass der „Helferschüler“ doch keine Hilfestellung geben kann, hängt er die Hilfekarte wieder zurück an die erste Stelle der Schnur – vorher hat er diese so verschoben, dass dort wieder Platz ist. Organisatorisch bietet es sich an, die Helferkarten farblich von den Hilfekarten zu unterscheiden und diese in der Größe anders zu dimensionieren, sodass Verwechslungen ausgeschlossen werden.
Einführung der Hilfekarte
Anfänglich besaßen die Karten eine besondere Attraktivität, weshalb sie auch bei kleinsten Problemen aufgehängt wurden. In einem solchen Fall kann der Lehrer den Schüler zu neuerlichem selbstständigen Nachdenken anregen und die Hilfekarte dennoch zurückgeben. Je nach Ausgangslage der einzelnen Schüler können entsprechende Abstufungen von Problemen im Vorfeld natürlich auch gemeinsam mit allen festgelegt werden. Fernziel ist, die Schüler zur Einschätzung von Fragen und Antworten zu führen: Denkbar ist in diesem Prozess, einfache Fragen mit kurzen Antworten auch weiterhin zwischendurch per traditionellem Melden zuzulassen, aufwändigere dagegen nur nach Einsatz der Hilfekarte zu erlauben. Ein Beispiel: Schüler A meldet sich, weil er eine Zahl an der Tafel nicht lesen kann. Eine solche Frage kann der Lehrer natürlich ohne Wartezeit in kürzester Zeit beantworten. Die Wartezeit der übrigen Schüler, die ihre Hilfekarte aufgehängt haben, wird davon kaum beeinflusst. Schülerin B dagegen möchte noch einmal das Prinzip der schriftlichen Multiplikation erläutert haben. Der erforderliche Zeitaufwand für diese Hilfestellung ist erheblich größer als bei Schüler A. Deshalb bittet der Lehrer in diesem Fall Schülerin B, ihre Hilfekarte aufzuhängen. Bei entsprechend stringentem Handeln des Lehrers sind diese Abstufungen schon nach kurzer Zeit allen Schülern transparent.
Auswirkungen
Wie oben bereits erwähnt, hat seit der Einführung des Hilfekarten-Prinzips das Hineinrufen in die Klasse deutlich nachgelassen - ein Effekt, der nicht von den Lehrern, sondern auch von den Schülern als sehr entspannend empfunden wird. Weil das Anbringen der Karten mit einem gewissen Aufwand verbunden oder eine möglicherweise lange Wartezeit zu erwarten ist, wird der Schüler in der Regel zunächst selbst über die Problemstellung reflektieren. In einigen Fällen löst sich ein Schülerproblem, bevor es durch Aufhängen der Karte signalisiert wird. Bei langer Wartezeit hat sich gezeigt, dass einige Schüler ebenfalls selbstständig das Problem gelöst haben. Natürlich ist das nur solchen Schülern möglich, die über entsprechende Problemlösungsstrategien verfügen.
Durch den Einsatz des Helferprinzips können zudem Außenseiter in die Klassengemeinschaft integriert werden – vorausgesetzt natürlich, dass sie in dem jeweiligen Thema ausreichend kompetent sind. Ebenfalls werden hierdurch Kontakte zwischen starken und schwachen Schülern intensiviert. Wartezeiten der Schüler verkürzen sich, wenn Helferschüler zur Verfügung stehen.
Nicht zu vernachlässigen ist zudem, dass der Gang zur Schnur einen Bewegungsanlass darstellt, der das lange Sitzen am Platz unterbricht. Dass sich bei den Helferschülern die angemessene Selbsteinschätzung verfestigt, versteht sich von selbst.
Theoretische Grundlagen
Das Hilfekarten-Prinzip stellt ein Klassenritual dar, das eine Strukturhilfe im Klassenraum bietet. Die Initiierung ist, wie von PETERSEN gefordert, ein Versuch, „mit der Klasse Rituale für bestimmte Anlässe zu erfinden und damit eine eigene Klassen- und Schulkultur zu entwickeln. [ … ] Jeder weiß um den Ablauf und seine eigene Rolle im Prozess, vom Anfang bis zum Ende.“ In einem geschützten Rahmen werden neue Gruppenbeziehungen ermöglicht (2001, S. 10 f.), vor allem natürlich dann, wenn auch das Helferprinzip installiert wurde.
Dass Rituale positiv auf Kinder wirken, ihnen Sicherheit geben und Gemeinschaft stiften – „in einer Zeit, in der der familiäre Alltag auseinander zu laufen droht“ - , hat unter anderem KAUFMANN-HUBER 1995 ausführlich beschrieben. PETERSEN unterstützt diese These hinsichtlich des Verhaltens einer Gruppe: „Da individuelle Bedürfnisse und spontane Interessen häufig mit jenen anderer kollidieren, sind Ritualisierungen wichtig, um Schutzzonen für Einzel- wie Gemeinschaftsaktivitäten überhaupt erst zu etablieren.“ Sie verfestigen sich erst nach und nach und nehmen dann ihre endgültige Form an (2001, S. 12ff.). LIEBERTZ beschreibt die Notwendigkeit von Ritualen, um Identität in der sozialen Gemeinschaft zu finden. Rituale weisen den Platz in der Gemeinschaft zu, sichern das Kollektive gegen das Individuelle und schützen die Interessen der Gruppe. Bedürfnisse des Einzelnen stehen also parallel zu denen der anderen Schüler. So wird eine soziale Anbindung des einzelnen Kindes an die Gruppe sichergestellt. Im Unterrichtsprozess werden so klare Verständigungen – z. B. über die Reihenfolge der Wartenden – möglich, außerdem wird soziales Verhalten stabilisiert. Gleichzeitig weist LIEBERTZ aber auch darauf hin, dass Rituale immer wieder hinterfragt und die Regeln mit den Schülern besprochen und weiterentwickelt werden müssen (2000, S. 155ff.).
Angesichts vieler schulischer Nöte, wie etwa Disziplinprobleme oder Gewaltbereitschaft, wäre daher zu hinterfragen, ob neben Klassenordnungen auch Rituale zum täglichen Schulleben gehören. Sie könnten das Schulklima wesentlich verbessern.
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Literatur
KAUFMANN-HUBER, G. (1995). Kinder brauchen Rituale. Freiburg im Breisgau: Herder.
LIEBERTZ, C. (2000). Das Schatzbuch ganzheitlichen Lernens. Grundlagen, Methoden und Spiele für eine zukunftsweisende Erziehung. MÜNCHEN: Don Bosco.
PETERSEN, S. (2001). Rituale für kooperatives Lernen in der Grundschule. Berlin: Cornelsen Scriptor.
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